Mann sein

Wie fühlt es sich an, Vater zu sein?

Seit bald drei Jahren bin ich Vater. In dieser Zeit hat sich mein Leben auf eine Art und Weise verändert, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Es gibt jetzt einen kleinen Menschen, der „Papa“ zu mir sagt. Der mich umarmt, der mit mir um die Wette rennt, der auf meinem Rücken herumturnt und auf meiner Schulter sitzend die Welt entdeckt. Der mich morgens um 6 Uhr mit einem breiten Grinsen im Gesicht weckt und spielen gehen will. Der seinen Kakao auf dem Küchenboden verschüttet und beim Zähne putzen herumzappelt. Und vor allem: der mein Herz mit seinem Lächeln, seinem Charme und seiner bedingungslosen Liebe zu mir immer wieder zum Leuchten bringt, auch wenn meine Nerven manchmal blank liegen (was definitiv zum Elternsein dazugehört).

Kurz: Vor drei Jahren konnte ich mir nicht im Entferntesten vorstellen, was es bedeutet, „Vater“ zu sein. Im Kopf habe ich mir zwar viele mögliche Szenarien ausgemalt, aber im Nachhinein muss ich sagen, dass diese ganz wenig mit der Realität zu tun hatten. Und warum sollten sie? Vater sein ist etwas - wie viele andere Dinge auch –, was ein Mann selbst erleben, erfahren und erfühlen muss. In diesem Artikel möchte ich darauf eingehen, wie ich dieses Thema empfinde, wie es mich bewegt und was dabei wichtig für mich ist.


Definition von "Vater" © Erträume Deine Welt

Vater werden

Bevor ein Mann Vater sein kann, muss er es natürlich erst werden. Der biologische Akt der Zeugung ist dabei vergleichsweise einfach. Geht es aber auf die Geburt zu, haben es Mütter um Welten schwerer. Ehrlich gesagt bin ich sehr froh, dass ich nie ein Kind gebären werde. Ich kann mir nur bedingt vorstellen, wie sich das anfühlt und mit was für Schmerzen das einhergeht. Andererseits – dadurch, dass der Nachwuchs bis zur Entbindung im Mutterleib heranwächst, besteht für die Mutter schon vor der Geburt eine sehr innige Verbindung zum Kind. Was aber nicht bedeutet, dass es Väter schwerer haben. Es ist einfach anders für uns.

Wie ist es also, Vater zu werden? Ich glaube, es ist eine Mischung aus ganz vielen Gefühlen. Da mein Sohn gewollt war (ja, wirklich!), war ich nicht sonderlich überrascht, als ich von der Schwangerschaft erfuhr. Trotzdem war es unerwartet. Denn plötzlich wurde aus einem hypothetischen Gedankenspiel ein Faktum. Mein Intellekt erfasste diese Information ganz schnell und sofort ging die unermüdliche Maschinerie meiner Gedanken los: Was muss ich jetzt machen? Wie oft müssen wir zum Frauenarzt? Wo wird die Geburt stattfinden? Wie kann ich die Mutter bei der Schwangerschaft unterstützen?
Ich bin mir nicht ganz sicher, wann bei mir schlussendlich das Gefühl ankam, dass ich Vater werde. Vielleicht, als ich das erste Mal mit meiner Hand gespürt habe, wie mein Sohn sich im Mutterleib bewegt. Aber selbst da war es ein noch irreales Gefühl, für mich einfach nicht greifbar.

Es gibt Paare, die in einen seltsamen Modus Operandi wechseln, sobald sie ein Kind erwarten. Neben der Aussage „Wir sind schwanger!“, scheint der Mann plötzlich alle Schmerzen und Befindlichkeiten der schwangeren Frau parallel am eigenen Leibe mitzuerleben. Ich weiß nicht genau, warum Männer das tun. Vielleicht ist es ein Versuch, das für uns so abstrakte Konzept der Schwangerschaft durch Nachahmung und emotionaler Spiegelung irgendwie "greifbarer" zu machen. Ich für meinen Teil habe das nicht getan. Klar war ich dabei, wenn es zum Ultraschall ging. Und natürlich habe ich mir auch Sorgen gemacht, wenn es Probleme gab. Ich habe mich jedoch lieber um den reibungslosen Ablauf des organisatorischen Drumherums gekümmert. Vor allem allem aber war ich – trotz eines Desasters, das sich zu der Zeit angebahnt hat (dazu mehr in diesem Artikel) – einfach präsent.

Ich habe damals vielleicht nicht jede Gefühlsregung der werdenden Mutter geteilt, trotzdem habe auch ich eine Reihe von intensiven Gefühlen erlebt. Allen voran gab es viele Unsicherheiten in mir, die sich durch solche und andere Fragen ausgedrückt haben:

Werde ich ...

  • … ein guter Vater sein?
  • … meinem Kind die Liebe geben können, die es verdient?
  • … immer genug Zeit für mein Kind haben?
  • … immer genug Geld haben, um für mein Kind sorgen zu können?

Obwohl ich tief in mir gespürt habe, dass ich sehr wohl das Potenzial dazu habe, ein guter Vater zu sein, haben mich diese Unsicherheiten ganz lange begleitet. Erst als ich anfing, mit anderen Menschen über sie zu reden - ihnen also Namen und Gesichter zu geben -, habe ich gelernt, sie anzunehmen, zu akzeptieren und mit ihnen klar zu kommen. Die Fragen, die ich mir damals gestellt habe, betrachte ich heute aus einem anderen Blickwinkel. Immerhin zeigen sie, dass ein Mann sich ernsthaft darauf einlässt Vater zu sein und dass er ein Interesse daran hat, seinem Kind (und der Mutter) die bestmögliche Unterstützung zu geben.

Vater sein

Nach der Geburt ist alles anders. Ja, wirklich!
Da ist zum Beispiel die Anpassung des eigenen Schlafrhythmus an den des Neugeborenen. Oder die kleine Hand, die einen am Sonntagmorgen um 5:45 Uhr beharrlich aus dem Bett ziehen will, weil es für Papa statt zu schlafen doch sicher viel spannender ist, beim Spiel mit dem Playmobil-Zug kreuz und quer durchs Wohnzimmer zu rennen.

Auch das Gefühl „Vater sein“ hat sich nicht sofort bei mir eingestellt. Bei der Geburt meines Sohnes habe ich plötzlich dieses kleine Geschöpf in meinen Händen gehalten und mir vor allem eine Frage gestellt: „Wie muss ich mit diesem kleinen Lebewesen umgehen, damit ich es nicht unabsichtlich verletze?“.
Ich gestehe, dass ich in meinem Leben davor nur ganz selten die Gelegenheit genutzt habe, ein Baby zu tragen. Irgendwie war mir das immer unheimlich. So prompt wie mir die Hebamme damals meinen Sohn nach der Geburt in die Hand gedrückt hat, so schnell habe ich jedoch auch diese Unsicherheit überwunden. Learning by doing!

Jetzt ist mein Sohn fast drei Jahre alt und ich lerne immerfort ganz viele Sachen. Mittlerweile kann ich z. B. die Facetten seiner Persönlichkeit immer deutlicher erkennen. Ich sehe, was ihn fasziniert und mit welcher Leichtigkeit er dieser Neugier und dieser Leidenschaft nachgeht. Das ist pure Lebensfreude!
Ich weiß mittlerweile, dass „Vater sein“ sich nicht durch ein einziges bestimmtes Gefühl beschreiben lässt, zumindest nicht für mich. Es ist eine Mischung aus vielen unterschiedlichen Empfindungen, die manchmal im Gegensatz zueinanderstehen.
Gefühle der Freude können durchaus gemischt sein mit Ärger über das Nichtbefolgen einer Anweisung. Erschöpfung und Irritation können nach einer schwierigen Phase des Zubettbringens gepaart sein mit einem unglaublichen Gefühl von Fürsorge und Liebe beim Anblick des friedlich schlummernden Kindes.

Damals und Heute © Erträume Deine Welt

Ein früherer Arbeitskollege hat mir vor Jahren sinngemäß gesagt: „Ich würde im Notfall für meine Kinder mein Leben opfern oder zu sehr drastischen Maßnahmen greifen, falls sie jemand bedrohen sollte!“. Als ich diese Aussage damals gehört habe, erschien sie mir übertrieben. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Kinder in Eltern solche Mechanismen auslösen. Heute verstehe ich, was mein Kollege damals gemeint hat.

Für mich ist die Zeit, die ich mit meinem Sohn verbringe immer auch ein wenig eine Reise in die Vergangenheit. Ich schaue in sein Gesicht und sehe mich selbst, als ich in diesem Alter war. Ich sehe mich als kleinen Buben, der jeden Stein umgedreht hat, um Insekten zu suchen. Der jedes Detail an Menschen und Dingen registriert und beobachtet hat (das ist auch heute noch so).
Vater sein ist für mich wie ein Fenster in die Vergangenheit und gleichzeitig ein Wegweiser in die Zukunft. Ich habe dadurch die Möglichkeit, vergessene und verloren geglaubte Eigenschaften von mir wieder ans Licht zu holen und diese neu zu entdecken. Neugier, Offenheit und der spielerische Umgang mit der Welt, zum Beispiel. Oder dieses unglaublich charmante Lächeln, wenn der kleine Mann etwas im Schilde führt.

Wenn ich an das klassische Vaterbild des 20. und früherer Jahrhunderte denke, fällt mir vor allem das Stichwort "abwesender Vater" ein. Ich sehe Väter, die hauptsächlich die Rolle des Versorgers erfüllt haben und abgesehen davon nicht viel mit ihren Kindern anzufangen wussten. Die meistens auch gar keine Zeit hatten, sich mit ihnen zu befassen, da sie zu sehr damit beschäftigt waren dafür zu sorgen, dass immer genug Geld da ist. Oder Männer, die sich nicht um ihre Kinder kümmern konnten (obwohl sie sie es vielleicht gerne getan hätten), weil sie in den Krieg ziehen mussten.

Zum Glück hat sich die Situation in den letzten Jahren stark gewandelt. Heute sehe ich viele engagierte Väter, die sich nicht nur materiell um ihre Kinder kümmern, sondern auch Wert auf eine emotionale Bindung mit diesen legen.
Für mich ist es selbstverständlich, dass ich mein Kind in allen Phasen seines Lebens begleite und eine Konstante bin, auf die es zählen kann. Vater sein ist für mich die Möglichkeit, meinem Sohn ein positives Männerbild vorzuleben und dabei selber zu lernen, was das überhaupt bedeutet (mehr zu „Mann sein“ in einem späteren Artikel).

Es erfüllt mich mit Stolz, dass ich eine starke und tiefgehende Verbindung mit meinem Sohn aufgebaut habe. Ich fühle diese nicht nur, wenn er lachend auf mir herumturnt oder sich weinend um meinen Hals legt. Ich spüre sie, ohne das etwas passieren muss - sie ist ganz einfach da. Und in jenen Momenten weiß ich ganz genau, wie sich "Vater sein" anfühlt.

Vater und Sohn in der Natur © Erträume Deine Welt

Bist Du Vater? Oder wirst Du es bald? Wenn ja, wie fühlt sich das für Dich an? Falls Du eine Frau bist, die schon Kinder hat oder erwartet: Wie fühlt sich für Deinen Partner Vater sein oder werden an?
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